Vom Führen und Folgen

Verfasst von am 26. Juni 2015 in Allgemein

Als ich vor einiger Zeit (aus Lust an der Musik) zu meinem ersten Tangokurs gegangen bin, habe ich nicht ahnen können, dass ich mich genaugenommen zu einer Selbsterfahrung zum Thema Führung angemeldet hatte…

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich als Trainer und Coach mit allen möglichen Facetten von Führung und verfolge, was sich in der Szene tut. Die Veröffentlichungen zu dem Thema haben sich im Laufe der Zeit zu einem riesigen Berg aufgehäuft. Dennoch, wie viele meiner Kollegen verspüre auch ich zunehmend weniger Lust, mich mit dem 1000. „neuen“ Erfolgsrezept oder dem 999. angeblich empirisch gesicherten Managementmodell wirklich intensiv zu beschäftigen.

Bei allem ist mir die eigene Führungserfahrung immer besonders wichtig gewesen, die, wie ich als Systemiker weiß, natürlich vom Kontext abhängt.

Dafür bin ich dem Tango dankbar: er zeigt mir, was Führung wirklich bedeuten kann, und zwar immer wieder, in jedem Kurs in jeder Milonga und über die Tanzfläche hinaus…

  1. Es gibt eine eindeutige Absprache darüber, wer führen darf und folgen möchte.
  2. Die Rollen Führende(r) und Folgende(r) sind eindeutig zugeordnet: je klarer sie ausgeführt werden, desto besser das Ergebnis.
  3. Führung ist an eine (wenigstens leicht) dominante Haltung gebunden. Es zählt der eindeutige Impuls, nicht die verbale Erklärung.
  4. Führung im Tango ist direktiv und partizipativ zugleich.
  5. Der Führende bestimmt weitgehend Richtung und Tempo, die Figuren aber sind Produkte der Kooperation beider Tanzpartner.
  6. Als Anfänger muss man führen, obwohl man weder die Figur, noch die Tanzhaltung befriedigend beherrscht (Motto: „Führen Sie – egal wie- aber führen Sie“)
  7. Folgende haben einen Anspruch auf möglichst gute Führung. Wenn das nicht funktioniert, bleibt der Führende nach dem ersten Tanz allein zurück.
  8. Zögern und Zaudern in der Führungsrolle führen ganz unmittelbar zu Stillstand oder Durcheinander auf der gesamten Tanzfläche.
  9. Fehler des Führenden können dadurch kompensiert werden, dass die Einstellung der Folgenden zum Führenden besonders positiv ist (guter Wille) oder dass die Folgende besonders gut tanzt ( Kompetenz).
  10. Konflikte der Tanzpartner fallen sofort auf, sie sind in den Bewegungen zu erkennen.

Hier noch ein paar schöne Führungsszenen zum Anschauen…

https://youtu.be/feMJx8ldhbQ?list=RDbXhQNRsH3uc

https://youtu.be/xHBeF1HlBsM?list=RDbXhQNRsH3uc

https://youtu.be/oB-RS000NLs?list=RDbXhQNRsH3uc

 

Joachim Selter